SherlockMS und der Fall der verspäteten Zeugin

Nr. 40

SherlockMS und der Fall der verspäteten Zeugin

Ich saß wie immer in meinem Zimmer in London. Der Kamin knisterte, der Tee war zu stark, und die Menschheit war zu laut. Draußen fuhr eine Kutsche vorbei (ja, manche hier halten Traditionen am Leben, so wie andere ihre Irrtümer). 🚕☕️

Ich starrte auf ein leeres Blatt Papier und dachte über Kriminalfälle meines Bruders nach. Normale Kriminalfälle, versteht sich: gestohlene Juwelen, verschwundene Erben, alibisattelfeste Lords. Und dann kam etwas viel Eleganteres der Neurowissenschaft.
Ein Fall, der nicht nach Schießpulver roch, sondern nach Zeit. Und nach einem winzigen, unscheinbaren Faden im Innersten der Nervenzellen. „Wie unerquicklich“, murmelte ich. „Eine Zeugin, die erst Monate später erscheint.“


Kapitel 1: Die Zeugin heißt NfL


Man hatte mich um Rat gebeten, wieder einmal, weil in Blut und Nervenwasser ein Signal auftauchte, das man wie eine Alarmglocke behandeln wollte: Neurofilament light, kurz NfL.
Stellen Sie sich NfL vor wie die Tragkonstruktion eines Hochhauses: nicht hübsch, aber entscheidend. Wenn irgendwo im Nervensystem etwas schiefgeht, tauchen diese Fragmente plötzlich messbar auf. Und die Menschen jubeln: „Ah! Ein Biomarker! Er sagt uns alles!“
Wie naiv. Denn ich habe gelernt: Ein Biomarker kann ehrlich sein, und dennoch irreführen, wenn man ihn zur falschen Zeit entdeckt.


Kapitel 2: Der Trick mit der Markierung


Diesmal war der Ansatz beinahe poetisch. Man gab dem System einen Marker - nicht gefährlich, nicht dramatisch - ein stabil markiertes Bauteil, das der Körper in Proteine einbaut. Wie unsichtbare Tinte für Moleküle.
Die Idee: Wenn NfL neu produziert wird, trägt es irgendwann diese Markierung. Dann kann ich verfolgen, wann die frische Ware auftaucht. Ein Traum für jeden Detektiv, der Ordnung liebt.
Und dann passierte etwas, das selbst mich amüsiert hat: Im Gewebe war die Markierung schnell zu sehen. Aber im Nervenwasser… ließ sie sich Zeit. Viel Zeit. Nicht Stunden. Nicht Tage, sondern Monate. Ich nahm einen Schluck Tee und lächelte, wie es nur jemand tut, der gerade sieht, wie eine hübsche Theorie zusammenklappt.


Kapitel 3: Eine Zeugin mit Verspätung


Die meisten erwarteten Folgendes: Wenn Nervenzellen NfL verlieren, müsste „neues“ NfL doch rasch irgendwo messbar werden, oder? Falsch.
Was rasch messbar wird, ist oft nicht „frisch produziert“. Es ist eher das, was mein Bruder in Krimis den Staub der Vergangenheit nennt: alte Bestände, die plötzlich freigesetzt werden, wenn irgendwo etwas reißt.
Denn „frisch markiertes“ NfL braucht und das ist der Punkt, den ich meiner Umgebung gern mit einem sanften, herablassenden Ton erkläre einen erstaunlich langen Weg, bis es im Nervenwasser als neue Spur sichtbar wird.
Das ist kein kleines Detail. Das ist der ganze Fall.


Kapitel 4: Drei Täter, ein Opfer – und ich als Richter


Also: Was bedeutet es, wenn NfL im Blut oder Nervenwasser plötzlich ansteigt?
Ich nenne Ihnen die üblichen Verdächtigen; und ja, ich weiß, dass Sie jetzt aufmerksam werden:

  1. Der Leckschaden 🚧 Wenn Axone kaputtgehen, könnten vorhandene NfL-Bestände „auslaufen“. Das wäre schnell, unordentlich, typisch Unfall oder Gewaltverbrechen.
  2. Der Kurierdienst 📦 NfL könnte kontrolliert nach draußen gelangen; nicht als Unfall, sondern als geplanter Transport. Dann gäbe es Verzögerung.
  3. Das verstopfte Abflussrohr 🚰 Wenn das Gehirn nicht richtig „abtransportiert“, bleibt NfL länger sichtbar wie ein Tatort, der nicht gereinigt wird.


Dann kam die zweite Akte, ein Parallelfall aus der Zellkultur: Neuronen aus iPSC-Modellen. Und wieder: keine sofortige Spur, sondern ein Timing-Trick.
Markiertes NfL erschien in der Umgebung (Medium) mit einer Verzögerung von 3–6 Tagen. 
Und nun kommt der Teil, an dem ich gewöhnlich den Raum verlasse, weil alle anfangen, hektisch zu nicken:
Ein früher NfL-Anstieg kann sehr viel bedeuten, aber er bedeutet nicht automatisch, dass gerade massenhaft neues NfL produziert wurde.
Und da lag die wahre Kriminalkunst des Gehirns:

  • Im Gewebe wird NfL schnell „gebaut“ und dann lange stabil eingebaut (sogar über lange Zeiträume nach Markierung nachweisbar).
  • In die CSF-Welt dringt „neues“ NfL nur träge vor, mit einer sehr langen Dynamik.


„Der Täter“, sage ich trocken, „ist nicht immer die Krankheit. Manchmal ist es die Interpretation. Und ihr Komplize heißt Zeitfenster.“ Die Zeugin, das neu markierte NfL, erscheint nämlich viel später. Und wer den falschen Zeugen zur falschen Zeit befragt, löst keinen Fall; er schreibt nur einen schlechten Bericht.


Kapitel 5: Warum mich das Gehirn jedes Mal amüsiert


Wissen Sie, was das Faszinierende ist?

Das Gehirn ist nicht nur ein Organ. Es ist ein Tatort mit eigener Logistik. Es hat Barrieren, Transportwege, Verzögerungen, Speicher, Umwege. Es ist wie London selbst: Alles hängt zusammen und doch kommt nichts pünktlich.
Und genau deshalb liebe ich solche Fälle: Nicht, weil sie laut sind. Sondern weil sie klüger sind als die Menschen, die sie messen.
Ich legte den Stift weg, sah zum Fenster hinaus und sagte – nur für mich: „Die Wahrheit ist selten versteckt. Sie ist meistens nur… verspätet.“

Euer SherlockM

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